5. August 2014

Tatort Folge 24h Duisburg, "Sag es noch einmal Horst"

NEIN, NEIN, NEIN, genug ist nicht genug, einmal ist keinmal, und überhaupt alles bis jetzt war doch nur Pillepalle
Wir kommen zu einem ganz besonderen Programmpunkt des aktuellen Wochenendprogramms, den

                              Rheinpower 24h von Duisburg.

Und das in der speziellen und verschärften Form des 24h Solo-Ritts.
Ja ich weiß, ich bin bekloppt, aber das behaupte ich ja schon seit Jahren von mir selbst.



Und deswegen erkläre ich dieses Verhalten mit dem Zitat, des von mir hochgeschätzten Henri Lesewitz:

Schmerzrezeptoren leiden unter Alzheimer
                       
24h Marathons gibt es überall, aber der in Duisburg ist ganz was ganz Spezielles.
Ja, es gibt Rennen mit anspruchsvolleren Strecken,
und ja, es gibt grössere Fahrerlager,
und ja, nicht überall leidet man bei Trockenheit unter einer Staublunge.
Apropos Staublunge, das ist das Stichwort, das Einzigartige an diesem 24h Rennen in Duisburg ist die Skyline aus Bergbau und Stahlwerk die das Besondere, das Einzigartige ausmacht.
Ich liebe es, in diesem Anfang des 20ten Jahrhunderts durch Thyssen aufgebauten Industriekomplex zu fahren.


Besonders Nachts ein einmaliges Erlebnis.
Heute ist's hübsch, früher eher nicht.
Und wir sind im Ruhrpott, dem Land der direkten Aussprache ohne Rhetorik, und des eigenen Humors.
Dann würde es wohl eher heißen,

Für mich ist die ganze Welt ein großer Arsch. 
Und die rechte Arschbacke, das sind die Amerikaner, ja.
Die linke Arschbacke sind die Russen und wir im Ruhrpott,
wir sind das Arschloch.

oder so ähnlich.
Auf jeden Fall, wir sind dabei, das 4er Team von PST Racing und ich als PST Solist.
Dank der Jungs bin ich bestens versorgt und habe mit Marius sogar einen eigenen Betreuer.
Aber auch Vennbike ist vertreten, unser Wolle fährt im 4er von Ruhrpott Mountainbiker
Meine 2 kleinen Rapiros haben sich in verschiedene Teams versorgt.


Markus in dem schnellen TeamtoBeat Team im 8er, und Sarah beim 4er Arcelor Mittal, wo die Mixwertung angegriffen wird.
Und meine Freunde der Berufsfeuerwehr Aachen bringen einen sehr potenten 4er und einen 8er an den Start.
Ich hoffe, alle vertreiben mir in den düsteren Stunden der nächtlichen Selbstfindungsorgie ein wenig die Zeit.
Nur sei zu bedenken.....

Mit Komplimenten kommen sie bei mir nicht weit.

Freitag Anreisetag mit Wolle, der so nett ist mich mitzunehmen und meiner Frau meine sterblichen Überreste am Sonntag zurückzuführen.
Angekommen; alles toll, alle sind da und alles bestens vorbereitet.
Am Abend noch Sightseeing auf dem Hochofen und dann ab ins Bett.
Und die Erkenntnis dieses Abends, schreit es Muschi vom Hochofen, schreit es Muschi zurück.




Der Morgen; letzte Vorbereitung. Quatsch, ich habe mich bis jetzt nicht vorbereitet, dann fange ich damit auch nicht mehr an.
Der Start ist für die Solofahrer ganz entspannt, da sie mit den 2er Teams in einem Block stehen.




Ich fahre mal die Einführungsrunde so mit und als das Rennen freigegeben wird, ist es schon verwunderlich das es keine Wahnsinnigen gibt die fahren als gäbe es kein Morgen mehr.Hat der Veranstalter doch recht gehabt, mit seiner Aussage, dass dieses Rennen nicht in den ersten 2 Runden gewonnen wird. Die Wahnsinnigen kommen erst in Form von 4er und 8er Teams 1 Runde später an uns vorbei.



Die Strecke und das ganze umliegende Gelände liegt nach 2 Runden wieder unter einer dichten Staubglocke.
Es gibt Fahrer, die fahren seit der ersten Runde mit Mundschutz.
Und dann diese Hitze, ich will Regen, ich brauche Heldenwetter.
Trotz der Hitze fahre ich im Schnitt 22min Runden bis das angekündigte Gewitter eine Rennunterbrechung von fast 4 Stunden nach sich zieht, Heldenwetter unterm Zelt.
Ich bin 7ter, aber was heißt das schon, es sind noch 40 Runden zu fahren.





Sehr geil ist, dass die Treppe des Unsinns, mit ihren üblichen Feierabend-, Berufsverkehrs- und Urlaubsstaus, einer Abfahrt mit Sinn gewichen ist ... zumindest theoretisch.
Es finden sich aber dennoch Fahrer die entweder zu intellektuell sind zum Einlenken oder unter massiver Höhenangst leiden und deswegen schieben.
Die Staus jedoch reduzieren sich deutlich.

Komm, komm,du Mensch! 
Das kannste doch nicht machen! Mensch du.



Um 19 Uhr geht es wieder in die Startaufstellung, und um 19Uhr ist Restart.
Die ersten 10 jeder Kategorie dürfen in den ersten Startblock, ich auch, freu.
Nach dem Restart hauen alle erstmal Spitzenzeiten in den Schotter.
Durch den Regen und die fehlende Staubbelastung ist die Strecke viel schneller geworden.
Bis es dunkel ist, schaffe ich es mit 19-21min Zeiten auf den 5ten Platz vorzurücken.


Solofahrer geniessen in Duisburg einen besonderen Artenschutz.
Sie haben als Einzige eine Rückennummer und man merkt sofort den Respekt den andere Fahrer, dieser Spezies entgegen bringen.
Das baut auf. Noch mehr baut auf, dass mich wohl mittlerweile mehr Leute kennen als ich dachte.
Muschi hier und Muschi da, könnt ihr euch nicht mal eure IBC Nicknames auf die Stirn tätowieren,
damit ich weiß wer ihr seid.
Solofahrer tun aber auch was um diesen Respekt zu bekommen, umso ärgerlicher das man dann von übermotivierten Schnöseln von der Strecke geschubst und verbal attackiert wird, den Hormonen sei Dank.

Keine Haare am Sack, aber im Puff drängeln.

Da gibt es nur eine Antwort!

Was quatschst du mich so blöd an, du Spießer, nur weil ich ne Solonummer habe.



Ich kann keine Bananen mehr sehen, ich bestelle bei Marius eine Currywurst. 
Ja eine Currywurst das muss jetzt sein, ich kann so gerade auf Fritten rot-weiß verzichten.
                                                                      Und was kriege ich, eine Thüringer im Brötchen.

Wo ist meine Currywurst? 
Den Kinderpimmel kannst mal alleine essen. 
Ich hab gesagt, ich will eine Currywurst, Menschenskind.

Man muss sich vorstellen, dass ich, rein theoretisch 50 Bananen + 3 Reisfladen + Kleinkram essen müsste, um meinen Kohlenhydratehaushalt vom Hungerast fern zu halten, wie gesagt: theoretisch.
Da sind die 26 l Wasser schon praktischer.


Es ist Nacht, ich bin allein, allein, allein, wo sind die Zuschauer hin.
Irgendwann geht die Musik auf der Expo aus, aber der AC/DC Berg hält durch, die ganze Nacht.
Ich warte! Ich warte auf jemanden, mit dem ich fahren kann, um uns kollektiv anzuschweigen, und uns im besten Fall mit Missachtung zu ermutigen, weiter zu fahren.
Es passiert nur noch Kopf, die Beine fahren von alleine.
Ich fahre im Schnitt 23min Runden.


Ich habe ein Bild im Kopf, Rocky Balboa der nach seinem Kampf mit zugeschwollenen Augen nach Adrien schreit.
Immer wenn es weh tut, schallt ein Adrien über die Strecke, es tut oft weh.
Wie ich später höre, wird Adrien sich verselbstständigen, andere haben auch Schmerzen.
Da weiss man erst wieviele Menschen den Film gesehen haben.
Und meine Jungs und Mädels, keiner hat mich alleine gelassen jeder hat mich auf der Strecke aufgemuntert, schliesslich fuhr ich mittlerweile auf Platz 4 mit einer Runde Vorsprung nach hinten.

Du musst die Bombe in den Köpfen der Leute zünden, versteht ihr, nicht unter ihren Ärschen.

Um 24h hatte ich meine treue Seele Marius eine 4h Ruhepause befohlen,
ich konnte sowieso keine feste Nahrung zu mir nehmen.
Ich versorgte mich jetzt in der Wechselzone, mit Cola, Mettwürsten und vor allen Dingen Gelpacks.
Ich schätze, dass ich um die 15 Stück bis Ende des Rennens zu mir genommen habe.
Zum Glück habe ich einen robusten Magen.


Um 6Uhr 47Minuten und 41Sekunden kam der große Hammer, langsam ging ich in Standby Betrieb.
Statt 24min Zeiten, gab es auf einmal nur noch 28er und als mein Betriebssystem komplett abgestürzt war, gab es diese unfassbaren zwei 32er Runden.

Ich habe einen Filmriss, ich kann mich an nichts mehr erinnern.

Ich war 2 Stunden im Delirium und habe nicht mehr viel mitbekommen ausser, diesem einen Team. Da wo mein Rapiro Markus mitfuhr, Team2beat blog.

Die Jungs und Mädels standen direkt neben der Strecke und haben auch gesehen, dass ich auf dem Weg zu Manitou war.
Vorher schon haben sie mir mehrmals einen Ketten-Service gemacht, jetzt nur noch Durchhalten gefordert.

Ich klapp dir die Fingernägel auf links, fahr, fahr!



Meine Frau hat mir gesagt, ich soll sie stolz machen, da gebe ich doch nicht auf.
Ausserdem steht geschrieben, dass wenn man einmal bei 24h aufgibt, man es immer wieder tut.
Ich kam wieder zurück ins Hier und Jetzt, als ich Begleitung bekam.
Zwei Einzelfahrer, Frank und Dirk vom Team Adrenalin Express.
Nachdem ich sie schon mehrmals überrundet hatte, drehten sie nun den Spieß um.
Danke, Danke, Danke an euch, dass ihr mich mitgenommen habt.
Ihr habt meinen Arsch gerettet und mich zurück ans Licht gebracht.
Ich konnte mich mit den Zweien auf konstante 23min Runden stabilisieren.
Aber was war aus meiner Platzierung geworden?

Scheiße




Ich war wieder 5ter aber ausruhen war nicht, ich hatte 3min nach vorne und 7min nach hinten.
Da musste was getan werden. So haute ich nochmal 3 schnelle Runden raus.
Meine letzte Runde war auch die schnellste meiner 24 Stunden mit 20:20min, unglaublich aber wahr.
Ich hätte nie gedacht, dass ich im Wiegetritt, nach diesem Rennen, nochmal den Monte Schlacko hochsprinten könnte.

vorher

nachher

Ich bin 5ter meiner Klasse und 9ter der Gesamt Solowertung mit 51 Runden.
Ich bin ein Sieger unter 90 anderen Sieger.
Das ist was für immer, meinen Glückwunsch an alle Solofahrer.
Die Muschi ist stolz mit euch gefahren zu sein.
Und noch was Geiles, ich habe von allen Fahrern die geringste Ruhezeit von 20min.
Ich bin halt als Kind in ein Fass Kokain gefallen.



Wo wir eben über Koks sprachen. Meine Nahrungsergänzungsmittel:
20 Bananen, 15 Gelpacks, 1 belgischer Reisfladen, 8 Mettwürstchen, 4 Scheiben Wassermelone, 2 Brötchen mit drauf,
18l Wasser, 3 alkfreie Weizenbier, 3l Cola, Verbrauch während des Rennens, runde 13000kcal.
Danach 16h schlafen und viel Wundsalbe für den Popo.
Meiner gebrochenen Rippe vom Ring geht es nach 24h Ruheposition auch schon besser.

Und es stimmt:

Schmerzrezeptoren leiden unter Alzheimer

Ich könnte jetzt schon wieder.
Und falls mal irgendwer auf die Idee kommt das Singlespeed zu machen, sagt ihm er wäre bekloppt.


Danke, an viele Menschen, ohne die das nicht möglich gewesen wäre:
PST Racing Team
Firma Planer Systemtechnik, 
Familie Rieck besonders Marius, 
Marcel, Sarah, Markus, Rene, Ingo, Stefan, Farina,
Team Adrenalin Express, Team2Beat,
Arndt und Benny von Firebike für die Strategie und Techniksupport
Dank an die Streckenposten im Tunnel, die mir immer ein Muschi entgegen geworfen haben und mich mit HolzfällerSteaks im Brötchen pikant versorgt haben.
Dank an alle Zuschauer die mich 51mal den Monte Schlacko rauf geschrien haben.

Prost eure Muschi

Und hier noch Wolle mit seiner Gang aus dem Pott