21. Dezember 2014

Mein großes WARUM des Radsports

Nun fahre ich schon seit Jahrzehnten Rad, und ich kenne keinen Sport indem es mehr WARUM's gibt als im Radsport. Und ich glaube ohne diese WARUM's würde der von uns geliebte Radsport nur halb so lustig sein. 10.000sende Trainingskilometer wären nicht zusammengekommen ohne, alleine oder zu mehreren, über die neusten Entwicklungen im Radsport zu philosophieren.



Wie bei vielen von uns kranken Gemütern, die sich egal zu welcher Jahreszeit lieber im Schlamm suhlen, als zuhause auf der warmen Couch vor dem prasselnden Kaminfeuer auf dem Bärenfell zu liegen, fängt es mit einer plattgedrückten Nase an.

Wir reden von meiner pubertierenden Nase, die sich am Fenster von Ake Donike's Radladen am Dürener Annakirmesplatz plattgedrückt hat. Und über den Moment wo ich ihm dabei helfen durfte mein neues 1985 Enik mit einer 105 Shimano auszustatten, weil ich für die 600 kein Geld hatte.


Ach war das eine glückliche Zeit, ich war froh überhaupt dieses Rad zu fahren, und mir von meinen Kumpels sagen zu lassen was gut für mich ist. Ich war viel zu sehr mit der Retuschierung meiner Pickel und und der Frage beschäftig, wie ich meinem großen Schwarm Petra am besten den Hof mache, als mich um WARUM'S zu kümmern. Für uns, für die es weg von der Straße nur Querfeldeinrennen gab, war das Mountainbike das nächste grosse WARUM.

WARUM neben der Straße fahren, solange es Straßen mit Kopfsteinpflaster gibt. Man musste schon ziemlich bekloppt sein und sein Fahrrad hassen, um es freiwillig im harten Geländeeinsatz zu quälen, dachten wir. Ihr mögt anderer Meinung sein, ist mir egal, das ist mein Text.

Aber irgendwie waren die Jungs auf den stollenbereiften Rädern cooler, und übten doch eine gewisse Anziehungskraft aus, auf uns verbissene, hinterradsuchende, in der Windkante stehende, belgischer Kreisel fahrender Rennradschwucken. Deutschland redet über Wackersdorf und Startbahn West, und diese Bekloppten fahren mit umgebauten Klapprädern durch den Wald, geil.

Das war der Anfang vom Ende, und das alles nur wegen des WARUM's.

WARUM Rennrad und nicht MTB, WARUM Campa und nicht Shimano, WARUM kann ich mir keinen Eddy Mercks Rahmen leisten und WARUM will Petra mich nicht zum Freund, sondern lieber Bert. Bert der coole Typ, der Cowboy Hut trägt, immer ein Messer dabei hat und in der Wildnis überleben kann.
Ich will auch so cool sein!!! War ich aber nicht, ich konnte nur ChaCha, Rumba und Foxtrott, natürlich in Buntfalte und Gel in den Haaren.


Und dann war sie da, neue Standortbestimmung.

Meine Familie fragte sich, WARUM toupiert der Junge sich die Haare, WARUM malt er sich mit Kajal an und verdammt nochmal WARUM ist dieses unmusikalische Geschrabbel aus dieser Musikanlage so laut. Meine Oma sagte des öfteren über meinen Umgang, "Die sind ja eigentlich nett, trotz der langen Haare".
Meine Kumpels fragten sich, WARUM fährt er kein Rennrad mehr. Ganz einfach ich bin Waver, Punker, Assi, je nachdem wenn man fragt. Aber die anderen, IHR, ihr seid uncoole Popperärsche. Mountainbike fahren war die Befreiung aus den Zwängen unserer steifen spießig autoritären Gesellschaft, was interessiert mich Atomkraft, saurer Regen und die Hafenstraße. Frische Luft für freie Bürger, nieder mit den Skins. MTB, buntes Lycra, New Wave und Punk, die Endlösung zu einem schönen Leben.

Und da war es mein 1989 Cube, schwarz mit weissem Grissel Effekt, wie bei Klein nur nicht so teuer, natürlich mit Starrgabel. Rennradpedale dran, Körbchen auf halber Länge abgesägt und ab in die grosse Freiheit. Das war die Zeit in der ich wenig von WARUM's belästig worden bin, auf jeden Fall die des Radsport betreffend.

Ich war halt alleine im Wald, die anderen Schwucken fuhren ja immer noch Rennrad, pah. Die WARUM's kamen aber schnell wieder, da HP ein Arbeitskollege von mir, Typ Beachboy, auch das Mountainbike für sich entdeckt hatte, und auch das nötige Kleingeld hatte sich immer die geilsten Räder zu kaufen. Wie zum Beispiel eins der ersten Fullys das 1993 GT RTS1, das irgendwo bei 4200DM lag, außerdem fuhr Hans Rey für GT. Da hatte ich andere Prioritäten und konnte mich den Fragen, WARUM ein Klein fahren und nicht ein Yeti, WARUM eine gefederte Gabel wenn es auch starr geht, WARUM mehr Gänge, WARUM Klickpedale standhaft widersetzen.


Das ist der heutige nicht mehr originale Zustand.

Aber alles hat ein Ende, und 1994 öffnete ich mich wieder der MTB Welt und kaufte mir ein Specialized Rockhopper mit LX Gruppe und Manitou Gabel in froschgrün mit Klickpedale.

Doch es kamen neue WARUM's, das WARUM der Anzahl der Gänge, das WARUM der besten Gabel, der besten Bremse und WARUM hat Gary Klein nur seine Firma an Trek verkauft. Das einzige WARUM das es nicht gab, war das nach der Farbe unserer Kleidung. Es konnte nicht bunt genug sein, und wir fuhren Downhillrennen mit Cantilever-Bremsen und Brakebooster.

Aber auch das war nicht genug und so fragte man mich 5 Jahre lang, WARUM fährst du immer nach Africa. Ganz einfach, weil ich es kann und endlich mal in Ruhe Motorrad fahren wollte.
Und dann war ich satt, WARUM?

Weil DIE Frau kam, das Rad verlor seinen Reiz und dankbar hängte ich es an die Wand und machte Babypause.


Wenn man bedenkt wie sehr ein Mann in einer 4jährigen Babypause zwischen Verdauung, Babybrei und Nachtschreck verkümmert, und sich die Sozialkontakte auf gewordene Mütter beschränken, ja dann treibt die Sehnsucht einen zurück aufs Rad.

Und alles ist anders, Muschi braucht neue Räder, Muschi ist motiviert wie nie, Muschi fährt schneller denn je und Muschi fragt sich, WARUM erst jetzt und nicht schon vor 20Jahren. Ganz einfach, jetzt habe ich den Flow und ich brauche keinem mehr was zu beweisen.

Und etwas ändert sich noch, die WARUM's.
Drehte sich früher immer alles um mehr Gänge, mehr Bremse oder mehr Farbe, geht es nun wieder rückwärts. WARUM nur 2fach, 1fach, SSP, WARUM Stahl, WARUM 29, WARUM 650b?
Was will ein radbekloppter Mann mehr?
Ich freue mich schon auf das nächste WARUM, eure Muschi.