6. Februar 2015

Rene und Farina in Rennfahrergeschichten, ein Leben auf der Überholspur

...oder wie wird aus einer Kieler Sprotte ein Rennschwein

Das erste Rennen ist immer das Schlimmste.
Die Norddeutschen sind ja eher bekannt dafür, als Segelsportler oder Handballer zu glänzen.
Daher ist es für eine Norddeutsche recht ungewöhnlich, sich mit dem Thema Mountainbike auseinander zu setzen. Doch wenn der Partner aus der Eifel kommt und sein Leben lang als Tretschwein verbracht hat, liegt es auf der Hand, ist die Ansteckungsgefahr duch den Virus Radsport doch sehr groß. Auch im Fall von meiner Holden, Farina Kasnitz ist das Unvermeidliche eingetreten.
Somit wurde aus einer ehemaligen ambitionierten Handballerin eine Mountainbikerin im Hohen Venn.




Erstmal shoppen gehen, rein zu Firebike, Tach Arndt, Tach Benny, versuchen, vermessen, verhandeln, aus die Maus. Den Rest noch dazu und ab in den Wald und Gefühl erfahren.
Nach einigen Auf  und Ab's, das ist in diesem Fall wörtlich zu nehmen, wurde der Ehrgeiz geweckt. Farina zeigte Talent zum Tempobolzen und wir überlegten, ob wir nicht den Schritt wagen sollten, sich mit der weiblichen Konkurrenz in einem Wettkampf Rad an Rad zu messen. Als ehemaliger Fahrer im Team Firebike-Drössiger gefiel mir die Idee, Konkurrenz aus dem eigenen Hause zu haben. Das Ziel war damit abgesteckt und die meisten wissen, wenn Du ein Ziel hast, dann lässt man sich im Training leichter auf die unabdingbare Quälerei ein. Mountainbiken ist schließlich nichts für Muschis.
Die Idee war geboren und wir überlegten, wo man denn als absoluter Einsteiger sein erstes Mountainbike Rennen fahren sollte. Es durfte natürlich nicht zu schwer sein. Mein Vorschlag, das Raid Haute Fagne in Malmedy, direkt vor der Haustür, zu fahren wurde kategorisch abgelehnt...war wohl auch besser so, ist eher Hardcore.

Wir entschieden uns, die A61 herunter nach Thalfang zu fahren, um am allseits bekannten Erbeskopfmarathon teilzunehmen. Das top organisierte Rennen bietet mit dem Einsteigerkurs über 37 Km und 780 Höhenmeter für Neulinge ein perfektes Terrain. Nach nicht mal 4 Monaten Vorbereitung stand das Nordlicht mit 40 weiteren Damen und einem 105er Ruhepuls am Start des Erbeskopfmarathons.
Sie fragte sich nicht nur einmal....was mach ich hier eigentlich....? Später sollte sie es wissen!!!
Die Renntaktik sah wie folgt aus....ankommen!!!
Als Neuling, und dann noch als ehemalige norddeutsche Handballerin, ist es alles andere als einfach, sich in einem Rennen zurechtzufinden und nicht von der gnadenlosen Reizüberflutung bereits nach wenigen 100 Metern erdrückt zu werden. Um zu vermeiden, dass Farina völlig entnervt das Handtuch wirft bei so viel Rennstreß, entschloßen wir uns im Vorfeld, das Rennen gemeinsam zu fahren.
Bei 400 Startern ist es nie eine gute Idee sich ganz hinten einzuordnen und somit suchten wir das Heil in der Flucht nach vorne, und mit Vollgas ging es nach dem Startschuss ins Rennen. Direkt nach dem Start ging es einen ca. 2 Km langen Asphaltweg hoch.
Was macht man als langjähriger Biker fast automatisch wenn es gut läuft?
Genau, man beobachtet die Konkurrenz und zählt die Platzierung. Bereits am Start checkte ich die Mädels! Wo stehen sie? Wie viel stehen vor einem und wieviel dahinter? Was fahren sie für Material? Fahren sie in einem Team? Fragen über Fragen, wo sind die Antworten?
Die Einführungsrunde war geschafft und ich zählte uns auf Platz 7 ! Als ich dies völlig euphorisch verkündete erhielt ich nur ein: Halt den Mund und lass mich !
Das Wetter spielte nicht so ganz mit, Kälte und Nässe machten aber nicht nur dem Nordlicht zu schaffen. Es wurde eine kleine Schlammschlacht..... für das erste Rennen also keine optimale Voraussetzung. Später sollte das Wetter die entscheidende Rolle spielen.
Wir entschlossen uns, wie folgt zu fahren. Berghoch gab sie das Tempo an und Bergab versuchte ich die optimale Linie vorzufahren. Auf dem Erbeskopf angekommen lag der Backfisch auf Platz 5 der Damenkonkurrenz.
Jetzt kam die zuvor oft angesprochene Skipiste! Ihr Kommentar vor dem Rennen,"Wenn das zu steil ist, dann steig ich ab und schieb...ist mir dann egal"! Mein Fehler war ihr von dem Sturz des Jan
Kaliciaks aus dem Jahre 2010 zu erzählen, der in Sven Hannawald Manier durch die Luft flog und sich im Krankenhaus wiederfand, weil er eine Bodenwelle übersah.
 Zum  Glück war ihre Brille so mit Dreck beaufschlagt, dass sie scheinbar nicht wirklich sah wie schnell es dort runter ging. So fuhr ich wirklich sehr vorsichtig in die erste Schikane hinein als ich von hinten ein "Lass endlich laufen man"  hörte! Nach einem Schulterblick sah ich, dass Farina an meinem Hinterrad klebte und dachte nur,"Um Gottes Willen, hoffentlich nicht wieder ein Sven Hannawald".
Es sollte nicht so sein. Unten angekommen lag Platz 4 vor uns. Jetzt ging es fast nur noch bergab,  Richtung Ziel und bald war die Fahrerin vor uns überholt und Platz 4 erreicht.
Wer die Strecke kennt, der weiß, dass es kurz vor dem Ziel noch mal etwas technischer wird. Wir preschten dem Ziel entgegen und ich konnte es kaum glauben, als ich eine weitere Frau vor uns sah. Dies muss Platz 3 sein. Das war nicht so schlau, denn nun machte sich vermutlich etwas Druck und Verspanntheit bei Farina breit. Denn ein Krampf bahnte sich an.  Als wir die Gleise ca. 2 Km vor dem Ziel überquerten, schluckten wir die Konkurrentin und das Podium lag so nah.... Nun musste nur noch der Wiesenweg zum Zielgelände überwunden werden.
"Nur noch", das hört sich an wie "fast geschafft".
Der anhaltende Regen machte den Wiesenweg, wie der Flame sagt, zu einem "Orginal Modderkuiper Parcours" Hier kam es zur alles entscheidenen Situation! Jeder kennt es, tiefe nasse Wiese wo bereits viele Biker durchgewühlt sind, hinterlassene Spurrillen und eine dieser vermaledeiten Spurrillen sollte dem Backfisch nun zum Verhängnis werden. Völlig entkräftet und mit den Nerven am Ende, geriet Farinas Vorderrad in eine Spurrille die in Richtung eines Busches führte. In diesem Busch fand sie sich nach kurzem Kampf leider wieder.
Nun überschlugen sich die Ereignisse. Die Pedale steckte in einem Baumstupf und als sie sich aufrappelte, schoss ein schrecklicher Krampf in ihr Bein. Die Zeit rannte dahin und die Verfolgerin erhielt die zweite Luft, witterte ihre Chance und fuhr vorbei. Platz drei war futsch, aber Farina fuhr nach 2:15 h  als Rennneuling auf einen unglaublichen 4 Platz.




René Ritzerfeld