17. Mai 2015

Formsuche ist keine Formsache

Wie heißt es so schön: Vor der Saison ist nach der Saison. Ihr könnt es sicher schon erahnen, es geht hier um Ambitionen. Meine und die von vielen anderen motivierten und engagierten Radfahrern. Wir sind jene, die sich beweisen wollen. Ich gehöre zu den Tausenden, und wir sind Amateure, oder zutreffender, wir sind Hobbyfahrer. Nichtsdestotrotz - gefühlt sind wir die Leistungsträger. Probanden eines immer währenden Männerspiels: Wir sind die, die motiviert um einen Platz unter ferner liefen fahren. Wir mögen es, uns das Laktat um die Ohren zu hauen - im wahrsten Sinne des Wortes. Und böse Zungen würden sagen: Für alles Andere reicht es auch nicht.

Oder radeln wir unserer Jugend hinterher, weil wir nicht wahrhaben wollen, dass wir den Zenit unserer Leistungsfähigkeit schon längst überschritten haben...oder noch schlimmer, niemals erreichen werden. Ich bin dabei, ich will mich beweisen, euer Spiel ist mein Spiel. Und mir geht einer ab, wenn ich einen ordentlichen Schnitt fahren, sprich meinen eigenen Ansprüchen in den Schritt fahren kann. Und natürlich will ich immer jung bleiben. Mindestens aber in Schönheit altern.
Nun ja, das setzt natürlich ein bisschen Disziplin voraus. Und ein bisschen heißt: Nicht viel. Denn - ich verzichte auf kaum etwas, habe auch keine speziellen bzw. abgestimmten Ernährungs- oder Trainingspläne. Aber eines habe ich - gewiss: Ich habe Lust, immer. Und das ist meine Motivation, meine Form über den Winter zu retten. Sicherlich, das mit der Konservierung des Leistungsniveaus über den Gefrierpunkt hinaus ist häufig unlustig. Deshalb bin ich dankbar dafür, keine Aversion gegen Kälte, Nässe und Matsch zu haben. Denn ansonsten bliebe nur „Plan B“, der Versuch, die Form auf der Rolle oder dem Spinningrad ins nächste Jahr zu retten. Ich habe auch das ausprobiert. Mein Name lässt viel vermuten, wer Schlechtes denken will. Aber da lege ich mich lieber in den Dreck und lasse mir Eiszapfen im Bart wachsen, als mir mit anderen schwitzenden Männern einen schlecht belüfteten Raum zu teilen. Darüber hinaus mich anschreien zu lassen und von basslastiger Techno-Wumme den nächsten virtuellen Berg hochmotiviert zu werden, ist so gar nicht mein Ding. Dann schon eher in einer Linie aufgereiht mit einem Mädel vor mir. Aber nein, jetzt gehen die Gedanken mit mir durch. Das wäre auch nicht wirklich zielorientiert.
Da habe ich nun also über die Wintermonate meine Strava mit Kilometern gefüttert. Ich habe Komponenten im Schlamm rund um die 5 Grad Marke geschunden, um damit eine ganze Industrie am Leben zu erhalten. Und ich habe mich gefreut, dass die grassierenden Krankheiten sukzessive an mir vorbei gezogen sind. Gut, ein paar Kleinigkeiten zum Ignorieren gibt es zwar ab und an; doch was können schon gepeinigte Knie und „Ich habe Rücken“ gegen meine Strava-Segment-Jagd ausrichten.

Und dann...in dem Moment, wo ich kurz vor dem Ziel stehe, dem Beginn der neuen Saison, haut es mich voll auf die Fresse. Ich mag das Wort gar nicht schreiben wollen, aus Angst dass es mich dann wieder erwischt.

I n f e k t

Super, ganz toll. Da war ich drauf und dran meine Form über den Winter zu erhalten und im Idealfall sogar auszubauen, und diese kleinen stacheligen Kotzbrocken von Viren beenden all meine Ambitionen. Ab diesem Punkt ist die Formsuche keine Formsache mehr. Nun ist Disziplin und Arztgehorsam gefragt. Auskurieren geht über Probieren.

Wann geht es wieder? Was kann ich meinem Körper wieder zumuten? Bloß keinen Rückfall riskieren. Ja, ich lasse mir die Decke auf den Kopf fallen, um nicht zu riskieren, das ich meinen Herzmuskel mit in den Abgrund reiße. Und so lässt mich zur Abwechslung mein Körper mal die Wand hoch laufen.

Irgendwann, nach einer gefühlten Unendlichkeit, traue ich mich wieder in den Radkeller. Ich höre schon ein Kratzen an der Türe, die Räder erkennen ihren Herrn und wollen endlich wieder ausgeführt werden.

Und die erste Ausfahrt nach überstandener Krankheit ist dann auch sehr ernüchternd. Der kleinste Anstieg spielt sich schon zum Scharfrichter auf. Ungeduldig reiße ich meine Kilometer ab, in der Hoffnung sie zu finden, die Form vergangener Tage. Ich horche in mich hinein, immer mit der vagen Angst vor dem Wort welches ich kein zweites Mal auszuschreiben wage. Ich komme nach Hause, platt wie 'ne Flunder. Es läuft nicht, das fühlt sich alles nicht gut an. Jedoch...Strava spricht eine andere Sprache. Scheiß auf Strava, ich fühle mich nämlich soooooo alt. Horrorszenarien laufen vor meinem geistigen Auge Staffellauf. Wie soll das denn noch klappen bis zum ersten Rennen? Bin ich wirklich jemals im Leben 24h solo gefahren? Wie geht das? Das war irgendwie in einem anderen Leben! Verzweiflung macht sich breit, zwischen Homöopathie und Physiotherapeut. Gedankenspiele und antriebsloses Kilometerfressen verstärken eher noch die Formdepression. Es wird alles probiert, von PINK macht lustig bis Bratwurst macht schnell und Frikadellen in der Regeneration. Es wird jeder aber auch wirklich jeder Strohhalm gegriffen, der verheißungsvoll erscheint. Wo ist sie hin? Mit wem geht sie fremd? Ich suche dich über die Grenzen des Dreiländerecks hinweg: Form. Denn sie ist weg, liebe Fanta 4, auch ich bin wieder allein allein. Meine Form mag mich nicht mehr.
Meine Gedanken spinnen weiter. Ich habe mir wohl aus Versehen eine Fick-Mich-App gekauft. Vor allen Dingen hätte ich mir mal die Beschreibung im Appstore durchlesen sollen, bevor ich meinen Finger bewegt habe. Denn da stand:

Willst du dich mal so richtig vom Leben gefickt werden?
Dann bietet dir diese App die besten Spots und die besten Ideen, um dich mal so richtig schlecht zu fühlen. Man muss ja nicht darauf warten, dass das Gefühl einen Mülleimer ausgeleckt zu haben, von alleine zu einem kommt.
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Alles im Programm mit Erinnerungsfunktion und automatischem Update.
Als Update entwickeln wir gerade die automatische Gehirnwäsche zur mentalen Gleichschaltung der Konsumenten zur besseren Wertschöpfung beim Kunden.


Gedankensprung - ich habe diese App gelöscht.
Als endgültige Motivation und Lösung meines Formproblems habe ich mich dann doch noch für ein Trainingslager entschieden. Aber Mallorca, Kanaren, Spanien, Zypern, das kann ja jeder. Deshalb suche ich meine Form auf dem Ponyhof in Ostfriesland. Mit dem Singlespeed Windkante mit der Deichkrone fahren, sehr geil. Vom belgischen Kreisel mit meinem Nebenläufer bis zur Windmühlenjagd, ich will wieder Alles, ich probiere Alles aus. Am Ende gibt es sogar Deichzeitfahren mit dem 32/16 SSP, denn seit neuestem gibt es auch in Ostfriesland Strava-Segmente. Wer hätte das gedacht? GA1, im Wind GA2, mit 120er Trittfrequenz oder höher, was für ein Erlebnis! Kein Berg der meine Motivation stört. Kein Anstieg der die Nichtigkeit meines Radfahrerdaseins untermauert. Ich bin toll! Ich fühle mich gut! Was interessiert mich, dass ich im ersten Rennen den Anstiegen wieder vulgäre Namen gebe. Einbildung ist auch eine Bildung. Wenn es nutzt, ist es gut. Und wenn es am Ende funktioniert, habe ich alles richtig gemacht.
Wir sehen uns also in La Reid und am Alfsee, Ende des Monats. Danach wissen wir alle alles besser und ihr dürft mit dem Finger auf mich zeigen und mich einen Deppen nennen, wenn meine Formsuche doch nur Formsache gewesen ist.


In diesem Sinne - Think Pink, eure Muschi.