6. Juni 2015

Das Rad-Eldorado des Nordens

Es gibt einen Ort in Deutschland, einen an dem eine seltene Tierart heimisch ist. Hoch im Norden, da wo die Norddeutsche Tiefebene beginnt und man nach rechts zum Harz abbiegen kann.
Mit diesem Ort in Deutschland meine ich das Leinebergland. Denn dort lebt die pornöse Schweißraupe, auch unter ihrem lateinischen Namen Kallitis Nicolaidis bekannt.
Zum Glück! Denn ich bin Vennbiker. Und wir Vennbiker haben eben dieses große Glück, uns die pornöse Schweißraupe in ihrer Entstehung anschauen zu dürfen. Bis sie nach der Verpuppung als Teil eines Ganzen die Radfahrwelt bereichert.
So dringen wir also in das Allerheiligste des deutschen Alu-Rahmenbaus vor.

Irgendwann biegen wir von der Autobahn ab und schlängeln uns Richtung Lübbrechtsen, durch das satte Gelb der Rapsfelder. Ja, das hier ist mal was ganz anderes. Und ein schöner Gegensatz zu dem gewohnten Terrain, bei uns zu Hause. Weite flache Täler werden eingerahmt von Hügelketten, grün bewaldet und auf den ersten Blick unspektakulär flach. Aber, wer ahnt es nicht, das wird sich noch als kompletter Trugschluss erweisen. Die Trails und die Höhenmeter werden uns noch Demut lehren.


Nicolai - allein der Name lässt viele in Ehrfurcht erstarren und das hat nicht nur mit der hier seit langem bereits zelebrierten Schweißkunst zu tun. Vielmehr ist es das Gesamtpaket aus Innovation, Konzept, Ästhetik und Nutzen, der viele Käufer seit Jahren begeistert. Und wir dürfen uns das in Ruhe und unter sachkundiger Leitung von Phillip Hildebrand, seines Zeichens Ingenieur bei Nicolai und ebenso Vennbiker, anschauen.
Ein alter großer Gutshof, ein Haupthaus und Nebengebäude, Nichts lässt auf den ersten Blick darauf schließen, dass hier Nicolai seinen Produktionssitz hat. Man erwartet eigentlich, dass der Bauer mit seinem Traktor um die Ecke biegt. Aber - weit gefehlt! Hi-tech versteckt sich überall, hinter einer Fassade bäuerlichen Schaffens.

„Wer Gott vertraut, hat wohl gebaut“, hinter diesem Türspruch vernehmen wir ein Jaulen, Fauchen, Kratzen. Es spritzen Späne hinter dem Sichtglas einer CNC-Maschine. Hier wird malocht. Es scheint, hier wird sogar der Fräskopf des Abends müde und will nach Hause. Anfassen, staunen, toll finden und weiter mit großen Augen.

Schweißerei, Pulverei, Endmontage. Es ist ein Erlebnis, aus erster Hand zu erfahren, wie viel Arbeit bis zum Endprodukt in einem Nicolai-Rahmen steckt. Der Fertigungsaufwand weckt bei mir auch eine neue Art der Wertschätzung, dem Produkt gegenüber. Da erscheint auch der hohe Preis eines solchen Schmuckstücks im Alu-Kleid in neuem Licht. Von nix kommt nix. Aber, es gibt auch andere Eindrücke die bleiben. Zum einen die unauffällig bzw. fast nicht vorhandene Größe der Versandabteilung und auch die sogenannte „Apotheke“ mit Bling-Bling in jeder Schublade.
So kennt Begeisterung keine Grenzen. Sie bricht sich Bahn über die Grenzen von Kalles Reich hinaus. Es geht ab in die Hügelketten rund um Lübbrechtsen, dort wo Nicolai seine Räder visuell in Szene setzt und ein Flowtrail seiner Definition entspricht. Und diese Leere... wir treffen niemanden. Hier ist ein kleines Paradies für Mountainbiker und es soll sogar noch besser kommen.
Sonntag morgen, wir wollen Nicolai’s aktuelle Bikes testen. Da kommt uns der Testride Event im nahen Bad Salzdetfurth doch sehr gelegen.
Ausgerichtet wird der Event vom hannoverschen Bikehändler Biketime in Zusammenarbeit mit dem ortsansässigen und uns wohlbekannten Rapiro-Racing-Team. Nun ja, unsere Erwartungen waren zunächst gemäßigt, groß informiert waren wir nicht. Der Event findet im dortigen Bikepark statt.
Das dieser Bikepark aber Teil eines Gesamtkonzeptes einer radverrückten Stadt ist, sollte uns noch eindrucksvoll bewiesen werden. Wahnsinn!
BOP http://sportstadt.bad-salzdetfurth.de/BIKE-OUTDOOR-PARK, so heißt der Bikepark in BadSe (so sagt man das in Bad Salzdetfurth), und er liegt direkt am Stadtrand auf einer ehemaligen Industriebrache der Kalisalzgewinnung. Hier kann man mal live und in Farbe betrachten, was möglich ist, wenn Stadt und Bevölkerung an einem Strang ziehen. Hier wird eine Sportart gelebt. Hier gibt es Menschen, die neben Freizeit und Engagement auch noch Geld und sehr viel Herzblut investieren. Die breite Masse hat hier die Möglichkeit jedwede Facette des Mountainbikesports ausleben zu dürfen. Herrlich. Und da gibt es eben das Rennteam dieser Stadt und ihrer Menschen, das erwähnte Rapiro-Racing-Team. http://www.rapiro-racing.de
Wenn man die Rapiros so sieht, könnte man annehmen, dass sie alle Anhänger des niederländischen Königshauses sind. Orange ist ihre Farbe und damit die einer ganzen Stadt. Das alles sind beste Voraussetzungen, um zum Rad-Eldorado des Nordens aufzusteigen.

Rauf auf die Nicolais und auf geht es auf die Strecke mit Olaf Nützsche. Er ist Teamchef, Fahrer und Organisator von Rapiro Racing und Mann der Tat, der hinter dem BOP steht. Und er lässt es sich natürlich nicht nehmen, uns den kompletten Bikepark samt der neuen Dirt-Track-Anlage zu zeigen, bevor er mit uns auf die anspruchsvolle CC-Rennstrecke geht. Diese liegt mitten in der Stadt und hält was sie verspricht. Sagenhaft. Ich stelle mir nebenbei vor, was hier los ist, wenn der Bundesligarennzirkus Station macht.
Hunderte und Aberhunderte gaffende und nach Action geifernde Hysteriker, die sich in Dreierreihen der Schwerkraft trotzend in den Hang stemmen, um eine Horde aalglatt wadenrasierter Lycraner zu bejubeln, die ihren Fetisch dort ausleben wo er hingehört.
Ich will auch so ein Groupie sein, wenn nicht hier wo dann. Definitiv wäre Rapiro zu sein der zweitbeste Job neben dem des Kolumnisten. Näher am Zuschauer/Rennfahrer geht gar nicht mehr.
Ihr merkt, ich bin begeistert. Genauso wie von meinem Nicolai Helius AC. Das hat eingebaute Linienwahl. Nun ja, farblich finden wir nicht zusammen, aber ansonsten großes Kino, großes Handwerk. Wenn es beim Anfassen kribbelt, ja dann ist alles gut.
Am Ende steht ein geniales Wochenende, tiefe Einblicke in den Fahrradrahmenbau und die Erkenntnis das der Wille Berge versetzen kann, die größer sind als er selbst.

In diesem Sinne - Think Pink, eure Muschi.