22. Juli 2015

Der Sinn des Unsinns



Das mit dem Unsinn, das ist schon ein lustiges Ding. Und er hat vor allem Dingen Männer voll im Griff (aus irgendeiner schöpferischen Fügung heraus sind Frauen anders sortiert, sie bieten dem Unsinn nicht soviel Angriffsfläche wie ein Mann). Und Mann stellt sich die Sinnfrage: Warum, müssen sich Männer, wir uns, immer beweisen und produzieren? Warum haben die, wir und die anderen, so oft und so viel Unsinn im Kopf? Und das Internet unterstützt die Jagd nach dem tollsten Unsinn auch noch...



Noch schneller, noch weiter, noch höher, noch toller, die Ausmaße des Strebens nach Selbstverwirklichung über die Ausübung blanken Unsinns finden kein Ende. Ich behaupte sogar, dass die sozialen Netzwerke davon leben. Egal was, es gibt nichts mehr was es nicht gibt und was es nicht wert wäre im Internet präsentiert und produziert zu werden. Von der Mutprobe, auf einem auslösenden Airbag zu sitzen, bis Bungee-Jumping ohne Seil. Alles da.
Gerne wird auch der Sport als Ausdrucksmöglichkeit herangezogen um sich zu beweisen; sich zu definieren, denn genug ist nicht genug. 
Was heute noch atemberaubend ist, ist morgen schon ein alter Hut. Sportler, die mit Waghalsigkeit ihr Geld verdienen verleiten zu mehr Wagemut, mehr Risiko, zu mehr, mehr, mehr. Wer sich nicht beweisen kann, ist selber Schuld. Das Gefühl, eine Grenze erfolgreich überschritten zu haben, ist ja auch zu schön. Ja, warum auch nicht. Facebook und YouTube sind voll von sportlichen Selbstversuchen zur Selbstdarstellung mit unnachgiebiger und ausdauernder Befriedigung des Egos.



Bestes Beispiel dafür sind die hiesigen CC- und Marathonrennen. Richtig populär werden diese erst dann, wenn Radsportverrückte aus den Nachbarländern Belgien und den Niederlanden kommen, wie man am aktuellen Schinderhannes, Rhens-Marathon oder dem Rurseemarathon beobachten kann. Unsere Nachbarn kommen aber häufig nur, wenn zum einen die Strecken lang genug sind und sich zum anderen als anspruchsvoll genug erweisen. Technisch schwierige und riskante Passagen und Höhenmeter sind ein Muss. Das Adrenalin muss in Strömen fließen, nur so ist der überregionale Erfolg der Veranstaltung zu gewährleisten. Wer die belgischen Ardennen-Rennen kennt, weiß wovon ich rede. Dagegen ist alles, was in Deutschland gefahren wird, ein Kindergeburtstag.

Was treibt uns an zu diesem Kräftemessen, Selbstdarstellen, Posen? Sind wir nicht ausgelastet genug? Im Grunde genommen ist es doch nichts Anderes als früher, als sich Männer über den Kampf definiert haben. Und eigentlich können wir froh sein, uns so weit entwickelt zu haben, dass das gegenseitige Kräftemessen heute ohne Mord und Totschlag ausgeübt wird. Die Zeiten des Köpfe einschlagen sind vorbei. Heute werden Kilometer gefressen und Höhenmeter vernichtet und das bitte spektakulär.



Ich gestehe. Ich bin auch einer von denen, die ihr Ego befriedigen müssen. Ich versuche seit meiner Jugend mein Bedürfnis nach Unsinn zu kanalisieren, und das mit Erfolg. Auch ich belästige nicht nur mich mit sinnlosem Unfug und widersinnigem Wahnwitz; nein, ich bin ebenso verknüpft mit der Welt. Mein Ego dankt euch für ein „Gefällt mir“ und giert nach dem nächsten. 
Das Ganze hat nur einen Haken, es muss immer wieder eine neue Herausforderung her. Aber die muss erst mal gefunden werden. Ich kann Ultralangstrecke und was läge da wohl näher, als mal so richtig schön den Heldentod mit einem Singlespeed auf der 24-Stunden-Solodistanz zu sterben. 
Ja ja, ich weiß, haben Hundert andere auch schon gemacht. Na und - ich aber nicht. Und weil es bei den Deutschen Meisterschaften 24h am Alfsee noch mehr von diesem Heldenschlag geben soll, bietet sich hier doch genau hier die Möglichkeit zum Massensterben unserer Ambitionen; im Kampf darum, die 24h zu überleben.



Da stehen sie, über 1.000 Radfahrer, die in den verschiedensten Kategorien 24h auf dem Rad verbringen möchten. Von diesen sind 97 Solofahrer/innen, die sich an die Grenze ihrer fahrbaren Möglichkeiten bringen wollen und ich bin einer davon.
24 Stunden Radfahren kann jeder, behaupte ich. Die Frage ist nur, wie viel Zeit man auch wirklich auf dem Rad verbringt?
Die wenigsten Fahrer verbringen wirklich 24 Stunden ohne große Pausen auf dem Rad. Je nach Event sind das die ersten 10 bis 15 Platzierungen, die das durchziehen. Es gibt Leute, die schütteln da nur mit dem Kopf und sagen „die sind bekloppt“. Und vielleicht ist das auch so. 
Mit „bekloppt“ wird aber eher zum Ausdruck gebracht, wie unvorstellbar es für die meisten ist, dass man 24 Stunden auf dem Rad sitzen kann und 400 Kilometer, und mehr, Rad fährt. Denn am Ende ist es keine Frage der Muskeln, sondern nur eine Frage des Willens. 24-Stunden-Rennen sind Kopfsache. Okay, ein bisschen Bums in den Beinen ist nötig, den hat aber ein Großteil der ambitionierten Radfahrer eh. Aber der Wille ist der große Unterschied, welcher den Ultralangstreckenfahrer vom Rest trennt. Die mentale Stärke und Ausrichtung ist die Grundlage ein solches Rennen durchzuhalten.



Mit der Dunkelheit kommt dann auch meist das Ende. Kräftemäßig angefressen geben die Dunkelheit, die Einsamkeit und die Kälte vielen den Rest. Das Heldensterben beginnt nachts und hält bis zum Morgengrauen an. Das ist die Zeit, wo der Kopf das Rennen übernimmt, ich nenne es die „Zeit des Automatikbetriebs“. Es ist auch schon mal vorgekommen, dass sich mein komplettes Betriebssystem runter gefahren hat und mein Kopf einen Reset durchführte. Erinnerungslücken...kennt glaube ich jeder 24h-Fahrer. Und das ist dann auch der Reiz des Ganzen. Nicht nur seine körperlichen Leistungsgrenzen auszuloten, sondern darüber hinaus auch die mentalen Grenzen zu er-fahren. 



Dies ist zwar durchaus eine recht schmerzvolle Erfahrung, wie man einen Tag später feststellen muss, aber eine lohnenswerte. Trotz meines Handicaps, mit SSP im Feld der Schaltgetriebenen zu fahren, schaffe ich es die Nacht unter den besten 10 Fahrern zu verlassen. Womit bewiesen wäre, dass Gänge total überbewertet werden. Ab dem Morgen heißt es dann im Regelfall, das Ergebnis der Nacht zu halten und selber den körperlichen Burnout soweit hinaus zu zögern, wie es nur geht. Das aber ist leichter gesagt, als getan. In dem Zustand in dem sich das Fahrerfeld befindet, bricht jetzt die Zeit der Betreuer an. Unsere Motivatoren, die so wichtig sind unseren Körper, unser Ego über die Zeit zu bringen.
Letztendlich...am Ende...gewinnen die, deren mentale Stärke das Maximum des körperlich Machbaren abgerufen hat. Ich bin auch am Ende und zufrieden. Wieder eine Herausforderung geschafft, den Körper über die Grenzen belastet, den Geist erfolgreich herausgefordert zu haben. Wir „Bekloppten“, wir haben uns glücklich gemacht und unser Ego gestreichelt. Wir haben dem Unsinn einen Sinn gegeben.

An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich bei Andi von http://www.andis-radsportfotos.de bedanken für seine Unterstützung diesen Text zu bebildern.



In diesem Sinne: Think pink, eure Muschi.

Wer sich für Einzelheiten dieses 24h Rennen am Alfsee interessiert, dem empfehle ich den Rennbericht der Vennbiker oder des Eulenexpress