14. Juli 2015

Die Betonsanierer 3.0 - Heldendämmerung

Thronend und einsam stehen sie dort,
mahnend und tadelnd durch die Zeit gereist,
uns zu erinnern an die Tage,
wo tief aus der Erde kommend,
mit Kohle und Feuer Mahnmale ward geboren,
den Sturm der Zeit entfacht.

Ein letztes Mal, ein allerletztes Mal treffen sich die Betonsanierer der Kampfgruppe Vennbike nun, um die letzten Schauplätze der traurigen Geschichte von 1944/45 im Hürtgenwald zu erkunden. Wir wollen heute zusammen mit Freunden von Wutz on Wheels die Relikte der Allerseelenschlacht und die Ordensburg Vogelsang besuchen. Dabei geht es nicht um Heldenverehrung oder Kriegsverherrlichung. Hier geht es alleine um traurige Geschichte, das Gedenken der Toten und den Kampf gegen das Vergessen. Einer Spaßgesellschaft tut der Blick zurück auch mal gut, um sich ihrer Endlichkeit und Verantwortung bewusst zu sein.
Unsere Gruppe macht sich trotz der enormen Hitze der letzten Tage auf den Weg zur Ordensburg Vogelsang, denn gekniffen wird nicht. Damals hat man auch niemanden gefragt, ob es zu kalt, zu nass, oder zu schlammig war. Heute ist es nur tropisch heiß.

Ein Gruppenfoto und dann Start nach Vossenack, dem Ort der neben Kommerscheid und Schmidt im Zentrum der Allerseelenschlacht vom 02.07.1944 lag. Dazwischen ein malerisches Tal, das Kalltal. Heute sehr beschaulich, steil, eng, keine Wohlfühlprozente. Damals der Weg, den die Amerikaner beschreiten wollten, um die Kontrolle über den Rursee zu erlangen und somit über die wichtige Stadt Düren, mit ihrem Hauptverkehrsknotenpunkt kurz vor Köln. Heute ist der Weg, den die Alliierten nahmen, ein flowiger Trail mit verschärftem Spaßfaktor. Er heißt heute wie damals Kall-Trail. In Vossenack geht es vorbei an der Kirche, wo sich Soldaten beider Seiten im Kirchenschiff erbittert bekämpft haben, zum Einstieg in die Abfahrt hinunter zur Kall und zur Mestringer Mühle. Es ist unglaublich, dass auf diesem steilen schmalen Pfad vor 70 Jahren Sherman Panzer versucht haben, das Tal zu durchqueren. Es schaffte fast kein Panzer bis nach Schmidt, sie stürzten ab, fuhren auf Minen oder kapitulierten vor den Unwegsamkeiten des Geländes. Man kann heute noch in der Nähe der „Decke Ley“ Panzerkettenspuren im Felsgestein sehen und an der Mestringer Mühle liegt noch immer eine komplette Panzerkette im Weg begraben.
Die Mestringer Mühle ist heute ein beliebtes Ausflugsziel mit Gastronomiebetrieb. Die 1663 erbaute, abgelegene Wassermühle war in den Tagen der Allerseelenschlacht trotz aller Feindseligkeit auch ein Ort der Menschlichkeit gewesen. Hier arbeiteten amerikanische und deutsche Feldärzte zusammen, im Kampf um das Leben der verletzten Soldaten.
Wir machen uns an den Aufstieg nach Schmidt, teilweise mit schnuckeligen 20% und mehr. Eine Betonsanierertour wäre keine, ohne Ausfälle in der Mannschaft. Zum Glück verletzt sich unser Tom diesmal nicht, dafür zerstört er spektakulär sein Hinterrad beim Versuch, einer Springastfalle auszuweichen. Als wäre der Weg mit dem Rad nicht schon beschwerlich genug, darf er jetzt die zurückgelegten 7km zurück schieben. Wir verlassen ungern einen Kameraden, aber ein Zeitplan muss eingehalten werden. Wir verbuchen Tom als Kollateralschaden und ziehen weiter. Zwischendurch treffen wir auf eine Pilgergruppe auf dem Weg zurück von Heimbach. Die Kreuzgruppe ist schwer beeindruckt von unseren Kletterfähigkeiten. Pilgern, Krieg, Tourismus und Landwirtschaft, mehr Gegensätze können kaum an einem solchen Ort zusammentreffen.
Irgendwann kurz vor oben und einsetzender Schnappatmung hört der Wald auf. Statt wie früher Gasmasken, hätten einige heute gerne Sauerstoffmasken dabei. Hier war Frontlinie, von hier wurden die Amerikaner nach unsagbaren Entbehrungen im Kampf um Schmidt nach 6 Tagen vertrieben. Zurück blieb der komplett zerstörte Ort Kommerscheidt sowie eine in Auflösung befindliche amerikanische Truppe, durch die krasse Fehleinschätzungen der befehlenden Offiziere.
Vom Höhenzug Schmidt kann man in die weite Rurebene, bis nach Köln blicken und auf der anderen Seite den Rursee sehen. Dort wollen wir hin, wieder ein Trail, wieder erhöhter Spaßfaktor bis an die Uferböschung des Rursees. Hier darf die von der Hitze erschöpfte Truppe sich auf dem Seerandweg erholen und die dort liegenden gesprengten Bunker besichtigen. Es ist schon unvorstellbar, welche Mengen an Material, Stahl, Beton, Verpflegung, hier hauptsächlich mit Pferdefuhrwerken hingekarrt wurde, um den Größenwahn eines Menschen zu befriedigen. Das alles ist aber nichts im Vergleich zu dem, was uns noch oben auf dem Berg Erpenscheidt im Nationalpark Eifel erwarten wird.
Vorbei an der Urfttalsperre hat der in Beton und Stahl manifestierte Grössenwahn der Führerelite einen Namen - Ordensburg Vogelsang -, eine Kaderschmiede des NS-Regimes.


Alleine der Wege dorthin über einen 3km langen, durchschnittlichen 16% Anstieg. Bei schwülen 33 Grad ein Wahnsinn, um dann von einem noch größeren Wahnsinn getoppt zu werden.
Der Anblick der Ordensburg, der Sportstätten, des Amphitheaters und der Kaserne ist unglaublich, monströs. Unser Arne, seines Zeichens seit einiger Zeit Betonsanierer auf der Burg Vogelsang, führt uns durch die Anlage und gibt uns einen Einblick in Sinn und Zweck des Protzbaus nationalsozialistischer Selbstverherrlichung im Zeichen des Ariers.
Über ein noch genutztes Schwimmbad, zerschossene Reliefs, von Fledermäusen okkupierten Duschen bis hin zu Ariersportspielen und Gehirnwäsche durch Monumentalbaukunst, Arne weiß alles. Jeder sollte sich so einen Ort mal ansehen, um zu verstehen, mit welchen Mitteln die NS-Schergen versucht haben, das Volk zu indoktrinieren. Für Menschen, die noch nie was anderes als die karge Eifel gesehen haben, muss dies sehr beeindruckend, gar überlegen gewirkt haben.
Wir wollen weiter, in eine andere Welt der Nordeifel eintauchen. Waren wir bis jetzt nur in engen tiefen bewaldeten Tälern unterwegs, fahren wir nun über die Dreiborner Höhe. Hier errichteten die Briten nach dem Krieg einen Truppenübungsplatz der später von den Belgiern übernommen wurde und seit 2006 Teil des Nationalparks Eifel ist.
Hier auf der Hochfläche bestimmt eine Heidelandschaft das Bild, weite Aussichten und unzählige Bunker. Wir kommen zu einer Kirche, einem tragischen Ort, der Wüste Wollseifen. Es ist nicht mehr viel, was an diesen alten Ort erinnert, Kirche, Trafohäuschen, Schule und Kapelle ist alles was blieb. Die Wollseifener Bevölkerung wurde 1946 zwangsumgesiedelt, enteignet und in alle Winde zerstreut, da sie dem Truppenübungsplatz im Wege waren. Heute hält nur die leere Kirche die Erinnerung wach.
Das Schöne daran oben zu sein, ist, dass es meist auch wieder nach unten geht. Schade ist, dass die Nationalparkverwaltung keine Rücksicht auf Radfahrer nimmt und das Befahren von Wegen ausserhalb der Hauptwege rigoros verfolgt. Jeder Versuch über diese unhaltbare Situation ins Gespräch zu kommen, wird von Seiten der Verantwortlichen abgeblockt. Aber was soll’s, es gibt auch Trails ausserhalb des Parks und schöne dazu.

Auf dem Weg zurück durch das Rur- und das Kalltal passieren wir abermals einige Relikte des Krieges die uns bei anstehendem Hitzekoller aber nicht mehr in ihren Bann zu ziehen vermögen. Das war es dann auch, ein Tag Geschichtsunterricht mit Andacht ohne hitzefrei. 
Anektödchen am Rande:

Da gibt es dieses Relief auf dem Sportplatz der Ordensburg. Da kann man sehen wie Menschen, in diesem Fall Britische Soldaten, mit dem Trauma ihrer Kriegserlebnisse umgegangen sind. Da wurden die Skulpturen der arischen Herrnrasse als Zielscheiben zweckentfremdet. Kopf ab, Pimmel ab. War für sie die beste Möglichkeit mit den ideologisch verwirrten Ariern und den Kriegserlebnissen umzugehen.
Kopf ab gegen die Verbreitung braunen Gedankenguts in der Gegenwart und Pimmel ab gegen die Vermehrung ihrer in der Zukunft. Dummerweise ist es aktueller den je.
in diesem Sinne - Think pink - eure Muschi